Herr Meier legt die Zeitung weg. „Chicago“, sagt er. „Eine Stadt, in der Milchfahrzeuge Kinder umfahren, sagt Brecht. Jetzt fliegen schwarze Hubschrauber.“
Frau Özgül schweigt, füllt zwei Gläser mit Wasser. Sie schiebt eines über den Tisch. „Stell dir vor, dies Glas ist Chicago. Jeder Sprudel darin – eine Entführung. Jede Blase – Tränengas.“ Sie klopft gegen das Glas. „Sie sagen, es geht um Gesetz. Aber Gesetz ist, wenn der Richter die Gewalt gewissenerschütternd nennt – und sie geht trotzdem weiter.“
Am Kiosk hängt ein Foto von Pastor Black, die Stirn voller Pfefferkugeln. „Sie schießen auf Gebete“, flüstert Herr Meier.
„Nein“, korrigiert Frau Özgül. „Sie schießen auf die, die wagen, ihre Taten beim Namen zu nennen. Ein Gebet ist gefährlich, wenn es lauter ist als ihre Lügen.“
Sie gehen am Spielplatz vorbei. Ein Mädchen malt Kreidebilder: Hubschrauber über ihrem Haus.
„Siehst du?“, sagt Frau Özgül. „Die Kinder lernen schon, was Gefahr bedeutet. Nicht Autos, nicht Fremde – Männer ohne Gesichter, die Menschen aus Betten zerren.“
Abends sehen sie im TV den König von USA. „Wir bringen Ordnung!“, brüllt er.
Frau Özgül stellt den Ton ab. „Ordnung ist, wenn die Angst den Wecker stellt. Wenn die Nachbarn per Hupe warnen, statt zu grüßen.“ Sie öffnet das Fenster. „Hörst du das Summen? Nicht Bienen. Black Hawks.“
In der Nacht träumt Herr Meier von einer Stadt, in der alle eine Trillerpfeife tragen. Sie pfeifen nicht aus Freude, sondern als Warnung: Hier! Jetzt! Komm nicht raus!
Am nächsten Tag treffen sie eine Lehrerin auf der Bank. Sie zittert. „Sie holten Diana. Vor den Kindern. Jetzt verstecken wir die Kleinen in den Schränken.“
„Warum?“, fragt Herr Meier.
„Weil Schränke keine Haustüren haben, die man eintreten kann“, sagt Frau Özgül bitter.
Sie zeigt auf ein Graffiti an der Mauer: „ICIRR-Hotline – speichere diese Nummer!“
„Das ist das neue Einmaleins“, sagt sie. „Nicht Rechnen, nicht Schreiben – Überleben. Wie filmt man einen Übergriff? Wie erkennt man einen echten Haftbefehl? Wie weigert man sich, die Tür zu öffnen, ohne erschossen zu werden?“
Plötzlich hält ein schwarzer Van. Männer in Uniform springen heraus, zerren einen Arbeiter von der Baustelle. Seine Mittagsbrotbox bleibt auf dem Gehweg liegen.
„Schnell!“, ruft Frau Özgül und ziept Herrn Meier weg. „Du willst doch nicht auch in einer Zelle mit hundertfünfzig Menschen landen? Ohne Toilette? Ohne Anwalt?“
Herr Meier atmet schwer. „Und die Wähler? Siebenundsiebzig Millionen…“
„…wählten den König, der versprach, dies zu tun. Die Gleichgültigen ernten jetzt, was sie säten: Eine Stadt, die wie eine Wunde pulsiert.“
Sie kommen am Comedy-Club vorbei. Ein Mann fegt Glasscherben zusammen. „Gestern lachten sie hier noch“, sagt er. „Heute weint eine Mutter, weil ihr Sohn beim Warten auf den Bus geschlagen wurde.“
Frau Özgül nimmt eine Scherbe. „Chicago ist wie diese Scherbe. Schön, wenn die Sonne drauf fällt. Und scharf genug, um dich zu schneiden.“
Vor dem Gericht demonstrieren Menschen mit Schildern: „Ellis sieht die Wahrheit – Bovino lügt!“
„Eine Richterin gegen eine Armee“, murmelt Herr Meier.
„Nein“, sagt Frau Özgül. „Ein Funke gegen die Dunkelheit. Vielleicht erlischt er. Vielleicht zündet er etwas an.“
Sie kaufen der Lehrerin einen Kaffee. „Was tun Sie jetzt?“, fragt Herr Meier.
„Was wir immer tun“, antwortet sie. „Weiter unterrichten. Die Kinder lernen gerade, was Mut ist: Sich die Trillerpfeife um den Hals zu hängen und trotzdem rauszugehen.“
Auf dem Heimweg pfeift jemand. Ein langer, schriller Ton. Frau Özgül bleibt stehen. „Hörst du? Das ist Chicago. Nicht die Sirenen. Die Pfeifen. Die Stimme derer, die sich weigern, unsichtbar zu sein.“
Irgendwo lacht ein Agent. Irgendwo weint ein Kind. Und dazwischen – ganz leise – das Klicken einer Handykamera, die festhält, was die Mächtigen löschen wollen.
„Und wir?“, fragt Herr Meier.
„Wir erzählen weiter“, sagt sie. „Bis auch der Letzte versteht: Was in Chicago passiert, kommt morgen zu uns. Wenn wir schweigen.“
Sie nimmt seine Hand. Ihre Hände zittern. Aber sie gehen weiter.